Du brauchst vielleicht keine bessere Erklärung?
Warum ein Hula-Hoop-Reifen mir gezeigt hat, dass Wissen und Verstehen nicht dasselbe sind.
Seit meiner Kindheit konnte ich keinen Hula-Hoop-Reifen schwingen.
Das klingt zunächst nach einer Information, deren gesellschaftliche Bedeutung überschaubar ist.
Und wahrscheinlich ist sie das auch.
Trotzdem hatte dieses Ding über Jahrzehnte eine bemerkenswerte Konstanz:
Reifen ansetzen.
Bewegen.
Runterfallen.
Andere Menschen schienen dabei irgendeine geheime Vereinbarung mit der Physik abgeschlossen zu haben.
Bei mir bestand diese Vereinbarung offensichtlich nicht.
Das Kuriose daran: Bewegung an sich war nie das Problem.
Snowboarden seit Jahrzehnten. Tennis. Laufen. Radfahren. Training.
Körpergefühl, Koordination und Bewegungslernen sind keine vollkommen fremden Gebiete.
Nur beim Hula-Hoop schien all das zuverlässig Urlaub zu machen.
Bis zu einem Mittelaltermarkt.
Der erste Tipp war richtig.
Dort arbeitete eine Künstlerin mit Hula-Hoop-Reifen.
Ein paar Hinweise später stand fest:
Die Hüfte soll gar nicht kreisen.
Vor und zurück reicht.
Oder eine Bewegung von Seite zu Seite.
Das ergibt biomechanisch sofort mehr Sinn als das hektische Kreiseln, das viele beim ersten Versuch veranstalten.
Also ausprobieren.
Reifen ansetzen.
Bewegen.
Boden.
Der Hinweis war verstanden.
Nur der Körper hatte offenbar noch keine Lust, daraus etwas Brauchbares zu machen.
Genau dieser Unterschied ist interessant.
Etwas intellektuell verstanden zu haben bedeutet noch lange nicht, dass Du es anwenden kannst.
Das erleben wir dauernd.
Du weißt, dass ein Gespräch geführt werden müsste.
Du kennst die Aufgabe.
Du hast die Strategie verstanden.
Du kannst sogar erklären, weshalb etwas nicht funktioniert.
Und trotzdem verändert sich nichts.
Noch mehr Erklärung wirkt dann wie die naheliegende Lösung.
Vielleicht fehlt aber gar keine Erklärung.
„Du snowboardest doch?“
Nach ein paar erfolglosen Versuchen kam die Frage der Künstlerin:
„Du snowboardest doch?“
Ja.
„Dann stell Dich hin wie beim Snowboarden.“
Eigentlich ein merkwürdiger Hula-Hoop-Tipp.
Kein Hinweis auf Rotationsgeschwindigkeit.
Keine lange Bewegungsanalyse.
Keine neue Theorie.
Nur ein Vergleich.
Seitlich stehen.
Knie leicht gebeugt.
Eine Position einnehmen, die der Körper tausendfach kennt.
Reifen höher ansetzen.
Einschwingen.
Bewegung beginnen.
Und plötzlich blieb er oben.
Nach Jahrzehnten.
Der Körper musste nichts Neues lernen.
Genau darin steckt für mich der spannende Teil.
Die entscheidende Fähigkeit entstand nicht in diesen zehn Sekunden.
Sie war längst vorhanden.
Balance.
Rhythmus.
Gewichtsverlagerung.
Eine stabile Ausgangsposition.
Der neue Hinweis hatte lediglich etwas verbunden.
Ein unbekanntes Problem wurde in eine bekannte Sprache übersetzt.
Und plötzlich konnte der Körper damit arbeiten.
Das ist nicht nur beim Sport interessant.
Gute Kommunikation erklärt nicht unbedingt mehr.
Vielleicht kennst Du diese Situation aus einem Unternehmen.
Intern ist ein Sachverhalt vollkommen klar.
Alle Beteiligten kennen das Produkt.
Sie kennen den Prozess.
Sie kennen die Abkürzungen.
Sie wissen, warum etwas so gemacht wird.
Dann kommt jemand von außen.
Und versteht gar nichts.
Die typische Reaktion:
Noch genauer erklären.
Mehr Text.
Mehr Folien.
Mehr Details.
Mehr Fachbegriffe.
Vielleicht liegt genau darin manchmal das Problem.
Denn die Künstlerin hätte mir Hula-Hoop noch zehn Minuten fachlich genauer erklären können.
Vermutlich wäre der Reifen weiterhin gefallen.
Gegriffen hat etwas anderes:
Sie hat nicht mehr erklärt. Sie hat übersetzt.
Von ihrer Bewegungswelt in meine.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Was versteht Dein Gegenüber bereits?
Gute Kommunikation beginnt deshalb möglicherweise nicht mit:
Was muss ich noch sagen?
Sondern mit:
Wo kann das Neue bei meinem Gegenüber überhaupt andocken?
Welche Erfahrung kennt dieser Mensch?
Welches Problem erlebt er bereits?
Welche Sprache benutzt er dafür?
Was muss nicht neu gelernt, sondern lediglich anders miteinander verbunden werden?
Diese Fragen verändern Kommunikation.
Und sie verändern manchmal auch den eigenen Blick auf ein Problem.
Mehr Wissen kann sogar im Weg stehen.
Besonders unangenehm wird es dort, wo wir eigentlich längst genug wissen.
Noch eine Weiterbildung fühlt sich produktiv an.
Noch ein Podcast ebenfalls.
Noch ein Buch.
Noch eine Recherche.
Alles bewegt sich.
Nur nicht unbedingt Du.
Denn Wissen kann Bewegung vorbereiten.
Es kann Bewegung aber auch hervorragend ersetzen.
Solange noch etwas verstanden werden muss, musst Du schließlich noch nichts entscheiden.
Genau deshalb interessiert mich inzwischen eine andere Frage stärker:
Was weißt Du längst – aber tust es nicht?
Vielleicht fehlt tatsächlich noch Wissen.
Das kommt vor.
Vielleicht fehlt aber auch nur die eine Verbindung, nach der aus einem bekannten Gedanken plötzlich eine Handlung wird.
Wo greift die Kante?
Am Freitag lag mein erster gedruckter Klarheitskompass vor mir.
30 Tage.
30 Fragen.
Kleine Bewegungsimpulse.
Konkrete Handlungen.
Und nur einen Tag später stand ich mit einem Hula-Hoop-Reifen auf einem Mittelaltermarkt und bekam ziemlich anschaulich gezeigt, was dieses Produkt für mich leisten soll.
Nicht:
„Hier lernst Du noch mehr über Veränderung.“
Sondern:
„Schau dort hin. Probier das. Was passiert jetzt?“
Denn eine Erkenntnis interessiert mich zunehmend erst dann richtig, wenn etwas daran hängen bleibt.
Eine Entscheidung.
Eine Handlung.
Eine veränderte Sicht.
Ein Satz, der vorher nicht da war.
Oder eben ein Hula-Hoop-Reifen, der nach Jahrzehnten plötzlich nicht mehr sofort auf dem Boden liegt.
Da greift die Kante.
Vielleicht brauchst Du deshalb bei Deinem nächsten Problem nicht sofort noch eine bessere Antwort.
Vielleicht reicht zunächst eine andere Frage:
Was davon kannst Du längst – und hast es nur noch nie damit verbunden? 😉
