Durchhalten ist nicht immer mutig!
Es donnert.
Nicht irgendwo weit hinten zwischen den Bergen.
Nah genug, dass mein Kopf augenblicklich mitrechnet.
Wie weit bin ich gelaufen?
Wie schnell komme ich zurück?
Wo könnte ich unterkommen?
Und dann:
Blitz.
Scheiße.
Vor ein paar Minuten hatte ich noch andere Probleme.
Meine Beine zum Beispiel.
Den nächsten Anstieg.
Den Untergrund.
Vielleicht auch meinen Puls.
Dinge eben, mit denen du dich beim Trailrunning beschäftigst.
Jetzt ist mir das ziemlich egal.
Ich schaue nach oben.
Dunkel.
Ich schaue zurück.
Auch nicht besser.
Und während der Regen langsam dafür sorgt, dass die Frage nach trockenen Klamotten ohnehin beantwortet ist, meldet sich jemand zu Wort.
Nicht neben mir.
In meinem Kopf.
Jetzt bist du schon so weit gekommen.
Danke.
Sehr hilfreich.
EIN PAAR MINUTEN VORHER WAR DAS NOCH SPORT.
Trailrunning in Umhausen.
Laufen.
Berg.
Natur.
Genau mein Ding.
Dass du dabei nass werden kannst, gehört dazu.
Dass die Beine irgendwann schwer werden, ebenfalls.
Und ein bisschen leiden?
Geschenkt.
Schließlich erzählen wir uns im Sport ständig, dass genau dort Entwicklung beginnt, wo es unangenehm wird.
Durchhalten.
Zähne zusammenbeißen.
Nicht aufgeben.
Drei wunderbare Sätze.
Sie funktionieren auf T-Shirts.
Auf Instagram.
In Motivationsvideos.
Und manchmal sogar im echten Leben.
Bis über dir der Himmel hell wird.
Dann bekommt „Durchhalten“ plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
DER BERG KENNT DEINEN MOTIVATIONSSPRUCH NICHT.
Noch ein Donner.
Vielleicht bilde ich mir ein, dass er näher ist.
Vielleicht ist er es tatsächlich.
Genau das ist das Problem.
Du musst entscheiden.
Mit dem, was du weißt.
Und mit dem, was du nicht weißt.
Weiter?
Zurück?
Abwarten?
Die ursprüngliche Entscheidung war einfach.
Laufschuhe an.
Trail laufen.
Wieder nach Hause.
Nur steht diese Entscheidung plötzlich unter anderen Bedingungen im Raum.
Und genau jetzt passiert etwas Interessantes.
Mein Kopf fragt nämlich nicht nur:
Was ist vernünftig?
Da mischt sich noch jemand ein.
Das Ego.
Jetzt umdrehen?
Wegen ein bisschen Gewitter?
Stell dich nicht so an.
Herrlich.
Als ließe sich ein Blitz davon beeindrucken, dass Sascha Geipel heute besonders hart im Nehmen ist.
VIELLEICHT IST UMKEHREN GAR NICHT DAS PROBLEM.
Rein technisch ist es ziemlich einfach.
Du drehst dich um.
Ein Fuß vor den anderen.
Fertig.
Der Weg zurück ist derselbe Weg.
Nur andersherum.
Aber in unserem Kopf ist es plötzlich nicht mehr derselbe Weg.
Hinwärts heißt:
Ziel.
Leistung.
Durchziehen.
Zurück heißt schnell:
Nicht geschafft.
Aufgegeben.
Verloren.
Und genau das macht Umkehren so verdammt schwer.
Nicht die Beine.
Die Geschichte, die wir uns darüber erzählen.
„JETZT BIST DU SCHON SO WEIT GEKOMMEN.“
Dieser Satz beschäftigt mich seitdem fast mehr als das Gewitter.
Denn dafür brauchst du keinen Berg.
Ein Projekt funktioniert seit Monaten nicht.
Jetzt hast du schon so viel Zeit investiert.
Eine Strategie bringt keine Ergebnisse.
Jetzt kannst du doch nicht plötzlich alles ändern.
Eine Zusammenarbeit passt längst nicht mehr.
Nach allem, was wir gemeinsam aufgebaut haben?
Du investierst Geld in etwas und stellst irgendwann fest, dass es die falsche Entscheidung gewesen sein könnte.
Also investierst du noch mehr.
Nicht unbedingt, weil die Sache dadurch besser wird.
Sondern weil Aufhören bedeuten könnte, dir etwas einzugestehen:
Vielleicht würde ich diese Entscheidung heute nicht noch einmal treffen.
Autsch.
Also weiter.
Noch ein bisschen.
Vielleicht wird es ja doch noch.
Kommt dir bekannt vor?
EINE RICHTIGE ENTSCHEIDUNG KANN FALSCH WERDEN.
Vielleicht liegt genau hier unser Denkfehler.
Wir behandeln Entscheidungen gerne so, als müssten sie für immer richtig bleiben.
Dabei kann die Entscheidung am Morgen vollkommen vernünftig gewesen sein.
Und am Nachmittag trotzdem falsch.
Nicht weil du vorher zu blöd warst.
Sondern weil du jetzt mehr weißt.
Beim Trailrunning verändert sich das Wetter.
Beim Freeriden verändern sich Schnee, Sicht oder Lawinensituation.
Beim Tennis stellst du vielleicht nach drei Spielen fest:
Der Matchplan, den du dir gestern so wunderbar zurechtgelegt hast, funktioniert überhaupt nicht.
Du kannst natürlich daran festhalten.
Konsequenz klingt schließlich viel schöner als Sturheit.
Die Anzeigetafel wird sich davon allerdings wenig beeindrucken lassen.
0:3 bleibt 0:3.
Der Berg funktioniert ähnlich.
Er interessiert sich nicht dafür, wie gut du dich selbst einschätzt.
Irgendwann zeigt er dir nur, ob deine Einschätzung gestimmt hat.
UND WAS HAT DAS MIT VERANTWORTUNG ZU TUN?
Vielleicht weniger, als du erwartest.
Denn Verantwortung bedeutet für mich nicht, immer die richtige Entscheidung zu treffen.
Das wäre absurd.
Du kennst die Zukunft nicht.
Du kannst dich vorbereiten.
Wetter prüfen.
Trainieren.
Informationen sammeln.
Erfahrung aufbauen.
Und trotzdem kann etwas passieren, das du nicht geplant hast.
Verantwortung beginnt deshalb vielleicht nicht bei der Frage:
„Habe ich damals richtig entschieden?“
Sondern:
„Ist diese Entscheidung mit dem Wissen von jetzt immer noch richtig?“
Das ist unangenehmer.
Denn plötzlich reicht es nicht mehr, dich auf deine ursprüngliche Entscheidung zu berufen.
Du musst wieder hinschauen.
Neu bewerten.
Und vielleicht etwas tun, das sich im ersten Moment wie Verlieren anfühlt.
DURCHHALTEN KANN DIE BEQUEMERE ENTSCHEIDUNG SEIN.
Den Satz musste ich selbst zweimal lesen.
Denn normalerweise erzählen wir die Geschichte anders.
Aufgeben ist bequem.
Durchhalten ist mutig.
Aber stimmt das immer?
Wenn du einfach weitermachst, musst du nämlich eine Sache nicht tun:
Dich selbst infrage stellen.
Du musst nicht zugeben, dass dein Plan nicht funktioniert.
Du musst niemandem erklären, warum du deine Meinung geändert hast.
Du musst nicht akzeptieren, dass all die bereits investierte Zeit keinen Anspruch darauf erzeugt, dass sich weitere Zeit plötzlich lohnt.
Du kannst einfach weitermachen.
Vielleicht ist deshalb manchmal nicht das Aufgeben bequem.
Sondern das Festhalten.
ZURÜCK NACH UMHAUSEN.
Regen.
Nasse Klamotten.
Schwere Beine.
Donner.
Und irgendwo dazwischen ein Mensch, der eigentlich nur laufen gehen wollte und plötzlich über Verantwortung nachdenkt.
Typisch.
Doch eine Frage ist geblieben.
Nicht nur für meinen nächsten Trailrun.
Auch für meine Arbeit.
Für Projekte.
Für Entscheidungen.
Und wahrscheinlich für ziemlich viele Situationen, in denen wir gerade weitermachen, weil wir irgendwann einmal beschlossen haben, weiterzumachen.
Die Frage lautet:
Würde ich mit dem Wissen von jetzt dieselbe Entscheidung noch einmal treffen?
Nicht:
War ich damals dumm?
Nicht:
Habe ich versagt?
Nicht:
Was werden die anderen denken?
Nur:
Würde ich sie heute wieder treffen?
Wenn die Antwort Ja lautet:
Weiter.
Wenn die Antwort Nein lautet:
Dann gibt es vielleicht etwas Mutigeres, als die Zähne zusammenzubeißen.
Eine neue Entscheidung.
Denn Umkehren bedeutet nicht automatisch, dass der Weg bis hierher falsch war.
Vielleicht hat er dich genau an den Punkt gebracht, an dem du etwas erkennen konntest, das du vorher noch nicht wusstest.
Und dann wäre es ziemlich absurd, dieses neue Wissen zu ignorieren.
Nur damit die alte Entscheidung recht behält.
Der Donner ist irgendwann verschwunden.
Der Gedanke nicht.
Vielleicht zeigt sich Verantwortung nicht darin, wie lange du durchhältst.
Sondern darin, ob du bereit bist, noch einmal hinzuschauen, wenn sich die Bedingungen ändern.
Auch wenn dein Ego lieber weiterlaufen würde.
Mehr Verantwortung. Weniger Ausreden.
DER PUNKT STEHT.
DER GEDANKE MUSS ES NICHT.
Vielleicht ist dir beim Lesen eine eigene Geschichte eingefallen.
Eine Entscheidung, an der du noch festhältst.
Oder eine Frage, die gerade ein bisschen unangenehmer geworden ist.
Dann hast du zwei Möglichkeiten:
Du nimmst den nächsten Gedanken mit ins Postfach.
Oder du schickst mir deinen.😉
