WENN ETWAS FÄLLT, DAS EIGENTLICH HALTEN SOLLTE
Über Annahmen, Belastung und die ziemlich unbestechliche Art der Realität, Feedback zu geben.
Unser zukünftiges Büro entsteht gerade Stück für Stück.
Keine große Innenarchitekturshow. Eher Holz, Werkzeug, Schränke, Ideen und die übliche Hoffnung, dass das Ergebnis am Ende absichtlicher aussieht als der Weg dorthin.
Am Samstag sollten zwei Schränke an die Wand.
Dazwischen hatte ich mir ein Regal aus Zirbenholz und Fichte gebaut.
Zirbe deshalb, weil sie großartig aussieht und riecht.
Fichte deshalb, weil sie da war und ihren Job erledigt.
Die Schränke wiederum stammen von IKEA.
Dazu später mehr.
Zunächst lief alles ziemlich ordentlich.
Ausmessen. Befestigen. Ausrichten. Wieder lösen. Noch einmal ausrichten. Das übliche Heimwerkerprogramm, bei dem zehn Minuten Planung zuverlässig verhindern, dass Du nur fünf Minuten brauchst.
Irgendwann hing alles.
Zumindest glaubte ich das.
Das Problem mit „müsste halten“
Dieser Satz ist beim Heimwerken gefährlich.
„Das müsste halten.“
Nicht:
„Das trägt nachweislich dieses Gewicht.“
Nicht:
„Die Befestigung ist dafür ausgelegt.“
Sondern:
„Sieht doch ziemlich stabil aus.“
Zwischen diesen Sätzen können erstaunlich viele Kilogramm liegen.
Bei mir lagen sie wenig später auf dem Boden.
Die Konstruktion kam herunter.
Damit war das Experiment abgeschlossen.
Ergebnis:
Hält nicht.
Natürlich hätte ich gern eine kompliziertere Auswertung gehabt.
Vielleicht eine Tabelle.
Ein bisschen Interpretationsspielraum.
Eine Diskussion darüber, ob das Ergebnis wirklich repräsentativ ist.
Die Schwerkraft war an wissenschaftlichem Austausch leider nicht interessiert.
Schuldige lassen sich schnell finden
Der erste Kandidat war klar:
IKEA.
Wer einmal einen solchen Schrank genauer angesehen hat, kennt dieses faszinierende Material, das von weitem nach Möbel und aus der Nähe ein bisschen nach sehr selbstbewusster Pappe aussieht.
Meine Abneigung dagegen bekam an diesem Nachmittag ordentlich Futter.
Nur löste das mein Regalproblem nicht.
Denn auch wenn das Material Grenzen hatte, blieb eine zweite Tatsache bestehen:
Diese Grenzen hätte ich berücksichtigen müssen.
Das Gewicht war da.
Die Befestigung war meine Entscheidung.
Die Annahme, dass es schon halten würde, ebenfalls.
Das ist ein unangenehmer Unterschied.
Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, wer schuld ist.
Sondern darum, wo der eigene Anteil beginnt.
Annahmen sind leicht, solange nichts daran zieht
Vielleicht blieb mir die Geschichte deshalb länger im Kopf, als ein heruntergefallenes Regal das normalerweise verdient hätte.
Denn außerhalb einer Werkstatt machen wir ziemlich ähnliche Dinge.
Ein interner Prozess müsste funktionieren.
Schließlich wurde er irgendwann sinnvoll geplant.
Ein Kunde müsste verstehen, was das Unternehmen anbietet.
Schließlich steht es doch auf der Website.
Ein Gespräch müsste gut laufen.
Schließlich weiß die andere Person doch, was gemeint ist.
Eine Entscheidung müsste richtig sein.
Schließlich haben wir lange genug darüber nachgedacht.
All das kann stimmen.
Bis Belastung dazukommt.
Dann zeigt sich etwas, das vorher leicht zu übersehen war.
Realität ist kein besonders höflicher Berater
Sie formuliert selten:
„Vielleicht wäre es sinnvoll, den zugrunde liegenden Ansatz noch einmal hinsichtlich seiner Tragfähigkeit zu evaluieren.“
Sie sagt eher:
Krach.
Das ist manchmal brutal.
Aber auch ziemlich nützlich.
Denn plötzlich musst Du nicht mehr darüber diskutieren, ob etwas theoretisch funktionieren könnte.
Du hast eine Antwort.
Nicht unbedingt die gewünschte.
Aber eine brauchbare.
Das Schwierige beginnt erst danach.
Denn jetzt kannst Du versuchen, die Antwort wegzuerklären.
Oder etwas verändern.
Besser bauen ist nicht dasselbe wie sich schuldig fühlen
Verantwortung wird schnell mit Schuld verwechselt.
Dabei sind das für mich zwei unterschiedliche Dinge.
Schuld fragt:
Wer hat es vermasselt?
Verantwortung fragt:
Was kann jetzt anders gemacht werden?
Beim Regal war das ziemlich konkret.
Gewicht neu einschätzen.
Andere Befestigung.
Belastung besser verteilen.
Noch einmal bauen.
Bei anderen Dingen ist es weniger sichtbar.
Aber das Prinzip bleibt erstaunlich ähnlich.
Vielleicht funktioniert ein Prozess nicht, weil zwei Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon haben.
Vielleicht versteht ein Kunde die Botschaft nicht, obwohl sie intern glasklar erscheint.
Vielleicht scheitert ein Plan nicht an mangelnder Motivation, sondern an einer Annahme, die nie geprüft wurde.
Dann hilft es wenig, lange darüber zu sprechen, warum alles eigentlich funktionieren müsste.
Irgendwann braucht es eine andere Frage:
Was trägt hier tatsächlich – und was habe ich nur gehofft, dass es trägt?
Der zweite Versuch sah fast genauso aus
Das finde ich im Nachhinein fast am spannendsten.
Nach dem Umbau hing dort nicht plötzlich ein völlig anderes Regal.
Zirbe blieb Zirbe.
Fichte blieb Fichte.
Auch die IKEA-Schränke verwandelten sich über Nacht nicht auf wundersame Weise in massive Eiche.
Der Unterschied war kleiner.
Ein paar Entscheidungen waren andere.
Ein paar Annahmen korrigiert.
Ein paar Dinge besser befestigt.
Von außen kaum spektakulär.
Aber diesmal hielt es.
Vielleicht sehen Verbesserungen deshalb so oft enttäuschend unspektakulär aus.
Kein kompletter Neustart.
Keine Revolution.
Kein neues Leben ab Montag.
Einfach etwas genauer hinschauen, eine falsche Annahme erkennen und einen Teil besser machen.
Das reicht manchmal schon erstaunlich weit.
Das Regal hängt jedenfalls noch.
Und sollte sich daran etwas ändern, wird die Realität vermutlich wieder Bescheid geben.
Sie ist da ziemlich zuverlässig. 😉
