FERTIG. UND JETZT?

Warum der letzte Satz manchmal erst der Anfang ist.

Ein fertiges Buch ist eine seltsame Angelegenheit.

Monatelang sitzt du vor deinem Bildschirm, veränderst Sätze, streichst ganze Absätze und fragst dich zwischendurch, ob das, was gestern noch verdammt gut klang, heute überhaupt einen Sinn ergibt.

Irgendwann ist die letzte Seite geschrieben. Die Illustrationen sind fertig. Das Manuskript liegt vor dir.

Geschafft!

Und dann?

Dann beginnt ausgerechnet der Teil, über den du gerade ein ganzes Buch geschrieben hast.

Loslassen.

Wenn Ankommen nicht bedeutet, dass alles gut war

„Ich komm doch runter“ ist fertig.

Ein Buch über Menschen, die ihren Erfolg mit Können verwechseln. Über zwanzig Jahre Erfahrung, die manchmal nichts anderes sind als zwanzig Wiederholungen desselben Fehlers. Über Durchhalten, Selbstüberschätzung und die erstaunliche Fähigkeit, sich die eigene Wirklichkeit schönzureden.

Auf der Skipiste funktioniert das besonders gut.

Du kommst unten an, reckst triumphierend die Arme in die Höhe und bist überzeugt, dass du hervorragend gefahren bist.

Hinter dir liegt eine Spur, bei der selbst der Pistenbullyfahrer vermutlich eine längere Mittagspause beantragen würde.

Aber angekommen bist du!

Also alles richtig gemacht?

Genau solche Widersprüche beschäftigen mich. Nicht nur im Sport, sondern genauso in der Arbeitswelt, in Unternehmen und bei unseren persönlichen Entscheidungen.

Deshalb geht es in meinem Buch auch nicht darum, dass du unbedingt aufhören sollst, wenn etwas schwierig wird.

Es geht um die wesentlich unbequemere Frage, ob das, was du gerade tust, überhaupt noch sinnvoll ist.

Noch einen Satz. Nur einen einzigen.

Beim Schreiben lässt sich diese Frage wunderbar ignorieren.

Schließlich gibt es immer etwas zu verbessern. Ein Satz könnte geschmeidiger klingen. Ein Kapitel vielleicht noch eine zusätzliche Geschichte vertragen. Und möglicherweise fehlt irgendwo eine wichtige Erkenntnis.

Die Liste ist nahezu unendlich.

Solange du daran arbeitest, hast du wenigstens das Gefühl, etwas zu tun.

Allerdings kann auch Perfektionismus eine ziemlich elegante Ausrede sein.

Denn solange ein Manuskript nicht fertig ist, muss es sich auch niemandem stellen.

Keinem kritischen Leser. Keinem Verlag. Keiner Ablehnung.

Du kannst weiterarbeiten und dir einreden, dass du lediglich besonders hohe Qualitätsansprüche hast.

Irgendwann kommt allerdings der Moment, an dem ein weiterer überarbeiteter Satz das Buch nicht unbedingt besser macht.

Er verschiebt nur den Augenblick, an dem du es aus der Hand geben musst.

Die nächste Seite gehört jemand anderem

Die ersten Verlage sind inzwischen angeschrieben.

Noch gibt es keine Antworten.

Natürlich wäre es wunderbar, wenn ein Verleger bereits nach der ersten Seite begeistert zum Telefon greifen würde.

Noch besser wäre vermutlich ein Anruf mit den Worten: „Herr Geipel, wo haben Sie sich denn die ganze Zeit versteckt?“

Die Realität sieht bislang etwas unspektakulärer aus.

Das Manuskript ist verschickt. Der Posteingang wird dadurch nicht automatisch interessanter. Und die Welt dreht sich erstaunlicherweise auch dann weiter, wenn du auf eine wichtige Nachricht wartest.

Jetzt beginnt eine Phase, die sich nicht durch zusätzliche Arbeitsstunden beschleunigen lässt.

Du kannst dein Angebot vorbereiten, dein Manuskript sorgfältig überarbeiten und die passenden Verlage auswählen.

Was diese daraus machen, liegt anschließend nicht mehr vollständig in deiner Hand.

Noch eine E-Mail zu schreiben, nur damit sich das Warten produktiver anfühlt, wäre deshalb nicht unbedingt die beste Idee.

Verantwortung bedeutet nicht, alles kontrollieren zu können

Vielleicht ist das die schönste Ironie an diesem Buch.

Monatelang über Entscheidungen, Selbstüberschätzung und den Unterschied zwischen Durchhalten und Festhalten zu schreiben.

Und anschließend selbst vor einer Situation zu stehen, in der genau diese Unterscheidung wichtig wird.

Denn Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, jedes Ergebnis kontrollieren zu können.

Du bist für die Qualität deiner Arbeit verantwortlich. Für die Entscheidungen, die du triffst. Für die Vorbereitung und dafür, ob du überhaupt den Mut aufbringst, etwas in die Welt hinauszutragen.

Aber nicht für jede Reaktion, die darauf folgt.

Eine Absage würde das Buch nicht rückwirkend schlechter machen. Eine Zusage wäre umgekehrt noch kein Beweis dafür, dass jeder geschriebene Satz ein Meisterwerk ist.

Vielleicht sollten wir Erfolg ohnehin seltener daran messen, ob alles genau nach Plan verläuft.

Und jetzt?

Jetzt liegt das Manuskript bei den ersten Verlagen.

Das Löwenbaby hat seinen Kompass längst wieder ausgepackt. Schließlich gibt es hinter jedem Berg noch mindestens einen weiteren Weg.

Welche Richtung die richtige ist, wird sich zeigen.

Bis dahin entstehen neue Geschichten, Gedanken und vermutlich auch wieder ein paar ziemlich unbequeme Fragen.

Die wichtigste davon darf diesmal ruhig an mich selbst gerichtet sein:

Kannst du dich über etwas freuen, das du geschafft hast, auch wenn du noch nicht weißt, was daraus wird?

Das Buch ist fertig.

Der Rest der Geschichte noch lange nicht.

😉

 
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WENN ETWAS FÄLLT, DAS EIGENTLICH HALTEN SOLLTE